Gespeichert unter: Kultur, Musik | Schlagworte: Banlieu, Frankreich, Justice, Kourtrajmé, Kultur, Musik, Rassismus, Sarkozy
Heiß diskutiert in Frankreich, erreicht der Aufruhr um Justices (D.A.N.C.E, Never be alone) neustes Video von Kourtrajmé-Regisseur Gavras langsam auch Deutschland.
Auf Spiegel-Online wird das Werk pauschal als „Orgie aus Schrecken und Schlägen“ bezeichnet und kommt nicht allzu gut weg. Von einem perfiden und geschmacklosen Marketinggag ist die Rede. Die TAZ berichtet ein wenig differenzierter und klärt recht detailliert über die Hintergründe und den üblicherweise doch sehr gewaltätigen Kourtrajmé-Stil auf. Und natürlich lässt sich auch Le Monde ausführlich zu der Diskussion um den Clip aus.
Abgesehen davon, dass „Stress“ musikalisch in eine völlig andere Richtung läuft als das, was mir von Justice bislag untergekommen war (und auch ich mich daran eher gewöhnen muss), sehe ich natürlich auch die Gründe für den Streit um das Video. Friedlich geht es nicht gerade zu, wenn allerdings auch nicht wesentlich gewaltätiger als in „Smack my bitch up“ von Prodigy oder anderen Produktionen. Die Gewalt und das Banlieu-Flair sind durchaus bekannte Inhalte gesellschaftskritischer französischer Filme (La Haine, Banlieu 13, Kourtrajmé-Kurzproduktionen) und Musik-Videos (ein weiteres Video von Gavras gibts hier).
Schockierender als das Video scheint zu sein, dass Justice, die ja bislang immer eher als die lustigen, lieben Pariser Elektro-Pop-Jungs galten, plötzlich politisch sind, und richtig böse anmutende Clips machen, die von Gewalt, Ghetto und Immigrantenkindern handeln. Auch den Vorwurf, das Video sei gezielte Selbst-Vermarktung von Justice, halte ich für überzogen (zu dem mir völlig unverständlichen Vorwurf des Rassismus äußere ich mich erstmal gar nicht). Vielmehr glaube ich, dass mit ihm (auch durch die internationale Berühmheit von Justice und die relative Grenzenlosigkeit von französischer Musik im Vergleich zu französischem Kino) einmal mehr auf die vernachlässigte Unterschicht in den Pariser Banlieus hingewiesen werden soll – eine Gesellschaft, die von ungelösten Post-Immigrationsproblemen, Chancen- und Arbeitslosigkeit und Angst vor einem wütenden Sarkozy geprägt ist. Gerade die Jugend der Täter ist meiner Ansicht nach ein wesentliches Indiz dafür. Spannend ist jetzt die Interpretation der Rolle des Kameramannes, der das Vorgehen teilnahmslos filmt und solange akzeptiert, bis er selbst angegriffen wird. Die Schlusszene erinnert stark an den Tod des Kameramannes in Belvaux’ Mockumentary „Mann beißt Hund“ und könnte wie diese als Vorwurf an den passiven Zuschauer verstanden werden.
„Alors, ça te fait kiffer de filmer ça, fils de pute ?“
Lange Rede, kurzer Sinn: Hier ist das Video. Macht euch selbst ein Bild von ihm und von seiner französischen Ghetto-/Gewalt-Ästhetik.
Nachtrag 14.08.2008:
Inzwischen ist auf Spiegel Online eine weiterer, durchaus differenzierter Artikel zum Clip erschienen, der vor allem die künsterlischen Aspekte dieses Videos erklärt und einen interessanten Interpretationsansatz bietet.
Ja, Flo, hatte immer schon recht: Sarkozy ist ein straighter Typ! Erst Frau abschießen, drei Wochen später mit einem Topmodel in Urlaub fahren, sie zwei Wochen später heiraten, Chaoten in Nordparis am Morgen des ersten Tages seiner Flitterwochen durch die CRS vermöbeln lassen, und dann auf ner Agrikulturmesse alte Männer wüst beschimpfen. Hauptsache, man bleibt glaubwürdig. Ich mag ihn. Bitte nur nicht schimpfen!




